Warum suchen meist die Betroffenen Hilfe und nicht die Verursacher?

Menschen, die unter toxischem Verhalten leiden, suchen häufig Unterstützung, weil sie unter den Folgen der Beziehung stark belastet sind. Sie kämpfen oft mit Selbstzweifeln, Ängsten, Schuldgefühlen, Erschöpfung oder dem Gefühl, sich selbst verloren zu haben. Der Leidensdruck ist hoch – deshalb wenden sie sich an Beratungsstellen, Selbsthilfegruppen oder therapeutische Angebote. Menschen mit ausgeprägt narzisstischen Persönlichkeitsmerkmalen oder einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung erleben ihr eigenes Verhalten dagegen häufig nicht als das eigentliche Problem. Schwierigkeiten werden eher dem Partner, dem Arbeitsumfeld oder den äußeren Umständen zugeschrieben. Ohne eigene Krankheitseinsicht oder Veränderungsbereitschaft wird deshalb seltener gezielt Hilfe wegen des eigenen Verhaltens gesucht. Das bedeutet jedoch nicht, dass sich niemand verändern kann. Eine Veränderung ist möglich – sie setzt voraus, dass die betroffene Person ihr Verhalten erkennt, Verantwortung übernimmt und bereit ist, langfristig an sich zu arbeiten. Deshalb richten sich viele Unterstützungsangebote an die Menschen, die unter den Folgen toxischer Beziehungen leiden. Sie benötigen Orientierung, Stabilisierung und einen geschützten Raum, um das Erlebte zu verarbeiten und wieder Vertrauen in sich selbst zu entwickeln.

Was ist der Unterschied zwischen toxischem, narzisstischem Verhalten und einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung?

Diese Begriffe werden häufig miteinander verwechselt, beschreiben jedoch unterschiedliche Dinge.

Toxisches Verhalten bezeichnet Verhaltensweisen, die anderen Menschen schaden. Dazu gehören beispielsweise Manipulation, Kontrolle, Schuldumkehr, Abwertung oder emotionale Erpressung. Solches Verhalten kann grundsätzlich jeder Mensch in bestimmten Situationen zeigen – ohne dass eine psychische Erkrankung oder Persönlichkeitsstörung vorliegt.

Narzisstisches Verhalten beschreibt einzelne Persönlichkeitsmerkmale oder Verhaltensweisen wie ein starkes Bedürfnis nach Bewunderung, ein überhöhtes Selbstbild, geringe Empathie oder das Streben nach Kontrolle. Auch diese Eigenschaften können unterschiedlich stark ausgeprägt sein und bedeuten nicht automatisch, dass eine Persönlichkeitsstörung vorliegt.

Die narzisstische Persönlichkeitsstörung (NPS) ist eine psychische Erkrankung, die nach internationalen diagnostischen Kriterien (ICD bzw. DSM) von Fachärzten oder Psychotherapeuten diagnostiziert wird. Sie zeigt sich durch ein dauerhaftes und tief verwurzeltes Verhaltensmuster, das das Leben der betroffenen Person und ihres Umfeldes erheblich beeinträchtigt.

 

Für Betroffene einer toxischen Beziehung ist letztlich oft nicht entscheidend, ob eine Diagnose vorliegt. Entscheidend ist, wie das Verhalten auf sie wirkt: Fühlen sie sich dauerhaft kontrolliert, manipuliert, entwertet oder verunsichert, sollte der Fokus auf dem eigenen Schutz, der Stabilisierung und der Verarbeitung der Erfahrungen liegen unabhängig davon, ob beim Gegenüber eine Persönlichkeitsstörung besteht.

 

Nach unseren Erfahrungen in der Begleitung von Betroffenen sowie auf Grundlage der aktuellen Studienlage ist die Bereitschaft zu einer nachhaltigen Veränderung bei einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung häufig gering. Eine erfolgreiche Therapie setzt voraus, dass die betroffene Person ihr eigenes Verhalten erkennt, Verantwortung übernimmt und bereit ist, langfristig an sich zu arbeiten. Diese Voraussetzungen sind jedoch nicht immer gegeben.

Deshalb empfehlen wir Betroffenen, den Fokus nicht auf die Hoffnung zu legen, dass sich der andere verändert, sondern auf den eigenen Schutz, die eigene Stabilisierung und den persönlichen Heilungsprozess. Ob sich das Gegenüber verändert, liegt außerhalb der eigenen Kontrolle – wie Du mit der Situation umgehst, hingegen nicht